Politisch gesteuerte erlernte Hilflosigkeit und Kontrollverlust.

Wenn das Gefühl entsteht, dass nichts mehr in der eigenen Hand liegt – erlernte politische Hilflosigkeit und ihre psychischen Folgen…

Erschöpfung. Resignation. Das dumpfe Gefühl, dass es ohnehin nichts bringt.

Viele Menschen, die aktuell psychologische Beratung aufsuchen, schildern ähnliche Empfindungen – und sie kommen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen.

Unternehmer, Angestellte, Eltern, junge Erwachsene. Was sie verbindet, ist nicht eine persönliche Krise im klassischen Sinne. Es ist etwas Diffuseres, schwerer Greifbares: das Gefühl, dass die Welt um sie herum aus den Fugen geraten ist und kein Einfluss mehr darauf besteht.

Dass Anstrengung, Aufmerksamkeit und Engagement trotzdem nicht reichen. Dass sich die Regeln ständig verschieben. Dass Wahrheit und Lüge immer schwerer auseinanderzuhalten sind.

Das ist kein Zufall. Und es ist vor allem kein persönliches Versagen.


Ein Zustand mit einem Namen…

Die Psychologie kennt dieses Erleben seit Jahrzehnten. Martin Seligman beschrieb es zunächst in Tierversuchen der 1960er Jahre, übertrug das Konzept dann auf den Menschen: erlernte Hilflosigkeit. Gemeint ist damit ein Zustand, in dem ein Individuum nach wiederholten Erfahrungen, in denen das eigene Handeln keine Wirkung hatte, die innere Überzeugung entwickelt, grundsätzlich handlungsunfähig zu sein. Diese Überzeugung verfestigt sich – und bleibt bestehen, selbst dann, wenn sich die äußeren Bedingungen verändert haben und Einflussnahme eigentlich wieder möglich wäre.

Was Seligman im Labor beobachtete, lässt sich heute auf gesellschaftlicher Ebene erkennen. Der Begriff dafür: erlernte politische Hilflosigkeit.

Die Bevölkerung Deutschlands und des gesamten deutschsprachigen Raumes erlebt seit mehreren Jahren eine verdichtete Abfolge einschneidender Ereignisse: Pandemie, Energiekrise, Inflation, Krieg in Europa, wirtschaftliche Stagnation, politische Instabilität, eine kaum mehr überschaubare Flut widersprüchlicher Informationen. Jede dieser Krisen wäre für sich bereits eine erhebliche Belastung. Zusammen erzeugen sie eine kumulative Erfahrung von Kontrollverlust, die tief in das psychische Regulationssystem der Menschen eingreift.


Was die aktuellen Daten zeigen…

Der DAK-Psychreport 2025 belegt diese Entwicklung mit konkreten Zahlen: Depressions-bedingte Fehltage im Beruf stiegen innerhalb eines einzigen Jahres um 50 Prozent. 183 Ausfalltage je 100 Beschäftigte wurden 2024 wegen depressiver Erkrankungen verzeichnet – 2023 waren es noch 122. Insgesamt verursachten psychische Erkrankungen 342 Fehltage je 100 Beschäftigte, ein neuer Höchststand. Bereits 40,4 Prozent der gesetzlich versicherten Erwachsenen erhielten 2023 überhaupt eine Diagnose einer psychischen Störung.

Diese Zahlen erfassen jedoch nur das, was in der medizinischen Versorgung sichtbar wird. Die subklinische Masse – Menschen, die nicht zum Arzt gehen, die funktionieren, die aushalten – ist damit nicht abgebildet. Und genau dort liegt das eigentlich Bedeutsame: Erlernte Hilflosigkeit zeigt sich nicht zwingend als klassische Depression. Sie zeigt sich als stille Resignation. Als Rückzug aus politischer Beteiligung. Als innere Kündigung. Als das diffuse Gefühl, dass Engagement zwecklos ist.

Ein Sozialwissenschaftler der Berliner Hertie School bringt es auf den Punkt: Die gesellschaftlichen Belastungssymptome verlaufen in drei Richtungen gleichzeitig – nach innen als psychische Störung, nach außen als Aggressivität und politischer Extremismus, zur Seite als Sucht und Ausweichverhalten. Was aktuell gesellschaftlich beobachtbar ist, sind alle drei Richtungen gleichzeitig.


Informationelle Überwältigung als eigenständiger Stressor…

Parallel zur psychischen Erschöpfung erodiert das gesellschaftliche Vertrauen. Laut dem Edelman Trust Barometer 2025 glauben nur noch 14 Prozent der Deutschen, dass es der nächsten Generation besser gehen wird als der jetzigen. Das Institut der deutschen Wirtschaft beschreibt in einer aktuellen Studie eine Vertrauenskrise, die sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche zieht.

Hinzu kommt ein spezifisches Phänomen, das in der Literatur als informationelle erlernte Hilflosigkeit bezeichnet wird: die Überflutung mit widersprüchlichen Informationen, gezielter Desinformation und der schwer fassbaren Grauzone zwischen Fakten und Narrativen. Wenn das Signal-Rausch-Verhältnis in der Informationsumgebung kollabiert, ist kognitiver Rückzug eine adaptive Reaktion des Gehirns. Das Problem ist, dass dieser Rückzug politisch und sozial folgenreich ist.

Laut einer Bertelsmann-Studie sind rund 85 Prozent der EU-Bürger der Auffassung, die Politik müsse deutlich entschiedener gegen Desinformation vorgehen. Gleichzeitig empfinden viele Menschen die Informationsflut als derart überwältigend, dass sie aufhören, überhaupt noch nach verlässlichen Quellen zu suchen. Nicht aus Desinteresse, sondern aus kognitiver Erschöpfung. Auch das ist eine Form erlernter Hilflosigkeit – auf der Ebene der Wahrnehmung.


Der sozioökonomische Druck als verstärkender Faktor…

Zur psychischen Belastung tritt die materielle Erosion. Deutschland erlebte zwischen 2021 und 2023 massive Reallohnverluste. Tarifliche Aufholbewegungen 2024 und 2025 kompensieren diese Verluste teilweise – aber nicht vollständig und nicht für alle. Der Zugang zur Mittelschicht hat sich in Deutschland seit den 1990er Jahren messbar verschlechtert: 1995 zählten noch 70 Prozent der Bevölkerung zur mittleren Einkommensgruppe, 2018 waren es nur noch 64 Prozent.

Für die untere Mittelschicht ist das Abstiegsrisiko konkret und dokumentiert ((Vertikale-) Soziale Mobilität= Durch Bildung, Leistung und gezielte Karriereentscheidungen kannst du vertikale soziale Mobilität nach oben erfahren — das bedeutet, du verlässt die soziale Schicht, in die du hineingeboren wurdest, und erarbeitest dir dauerhaft einen höheren gesellschaftlichen Status.).

Und die subjektive Wahrnehmung dieses Risikos ist mindestens ebenso psychisch belastend wie der tatsächliche Abstieg. Abstiegsangst ist ein eigenständiger Stressor, der Entscheidungen verzerrt, soziale Bindungen schwächt und die psychische Anfälligkeit gegenüber Extrempositionen erhöht. Wer dauerhaft erlebt, dass Anstrengung nicht zu Vorankommen führt – oder sogar zu Rückschritt –, entwickelt über kurz oder lang die innere Überzeugung, dass das System gegen ihn arbeitet. Das ist erlernte Hilflosigkeit im sozioökonomischen Kontext.


Wenn Ohnmacht politisch instrumentalisiert wird…

Hier ist es wichtig, einen weiteren psychologischen Mechanismus zu benennen: strategische Inkompetenz und die Instrumentalisierung von Ohnmacht.

Sozialpsychologisch lässt sich beobachten, wie sowohl politische Akteure als auch bestimmte Medienformate strukturell an dem Gefühl des Kontrollverlusts mitarbeiten – nicht notwendigerweise durch bewusste Verschwörung, sondern durch systemische Logiken. Populistische Bewegungen profitieren strukturell von kollektiver Hilflosigkeit. Sie erzeugen zunächst das Bild einer vollständig außer Kontrolle geratenen Welt, um sich anschließend als die einzige kraftvolle Handlungsoption zu inszenieren. Erich Fromm hatte das bereits vor 90 Jahren präzise formuliert: Die Hilflosigkeit des Individuums als Grundthema autoritärer Philosophie.

Was das für Menschen bedeutet, die dauerhaft in diesem Klima leben, ist klinisch relevant: Wenn die politische und gesellschaftliche Sphäre dauerhaft als unkontrollierbar, chaotisch und bedrohlich erlebt wird, aktiviert das tiefer liegende Schutzmechanismen der Psyche. Dazu gehört auch die Identifikation mit dem Aggressor – die unbewusste Übernahme der Werte und Deutungen derjenigen, die Stärke und Kontrolle zu verkörpern scheinen. Nicht weil eine rationale Überzeugung stattfindet, sondern weil die eigene Handlungskapazität so erschöpft ist, dass die Anlehnung an vermeintliche Stärke Entlastung verspricht.


Was das in der Beratung bedeutet…

Die Menschen, die kommen und beschreiben: „Ich bin nicht traurig, ich bin einfach… leer. Erschöpft. Ich weiß nicht mehr, wofür ich das alles mache“ – sie schildern exakt diesen Zustand. Keine klassische Depression mit klar identifizierbaren Auslösern. Sondern eine diffuse Erschöpfung, die aus der kumulierten Erfahrung entsteht, dass die eigene Wirksamkeit immer kleiner wird, während die Komplexität der Anforderungen immer größer wird.

Das ist keine Schwäche. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf eine Situation, die dauerhaft Kontrollverlust produziert.

Psychologische Beratung kann in diesem Kontext nicht so tun, als wäre das Problem rein individuell lösbar. Es wäre unredlich, Menschen in eine erschöpfte gesellschaftliche Umgebung zurückzuschicken mit dem Auftrag, einfach resilienter zu sein. Was stattdessen trägt, ist zunächst: das Erleben benennen, einordnen, entstigmatisieren. Die erlernte Hilflosigkeit erkennen – ohne ihr zu folgen. Den Unterschied herausarbeiten zwischen dem, was tatsächlich außerhalb der eigenen Kontrolle liegt, und dem, was es nicht ist. Und ganz konkret: Räume zurückgewinnen, in denen Selbstwirksamkeit wieder erlebbar wird – auch wenn diese Räume zunächst klein sind.


Die Fähigkeit, sich selbst zu verorten…

Eine der wirkungsvollsten Interventionen in diesem Kontext ist das Verstehen selbst. Wenn ein Mensch begreift, was mit ihm passiert – warum er so reagiert, warum er sich so fühlt, warum das System um ihn herum bestimmte psychische Reaktionen erzeugt – dann verändert sich das Erleben. Nicht weil die äußeren Umstände besser werden. Sondern weil das Verstehen selbst eine Form von Kontrolle zurückgibt.

Das, was ich fühle, hat einen Namen. Und es hat Gründe. Und ich bin nicht das Problem.

Das ist kein kleiner Schritt. Für viele Menschen ist es der erste Schritt heraus aus der Starre.

Die Gesellschaft, in der wir aktuell leben, erzeugt erlernte Hilflosigkeit auf breiter Ebene. Das ist eine diagnostische Feststellung, keine Klage. Und sie ist der Ausgangspunkt dafür, dass psychologische Beratung und Begleitung heute mehr gebraucht werden denn je – nicht als Luxus, sondern als strukturelle Notwendigkeit in einer Welt, die immer mehr Menschen an die Grenzen ihrer Regulationsfähigkeit führt.


Einordnung

Dieser Beitrag dient der psychologischen Orientierung und Einordnung. Er ersetzt keine Therapie und macht keine Heilversprechen. Ziel ist es, verständlich zu machen, warum bestimmte Zustände entstehen und weshalb sie sich dem reinen Willen oft entziehen.

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